Wie arbeiten wir morgen? Teil 2: Die Stadt

Die Corona-Pandemie führt in der Arbeitswelt zu einem nie dagewesenen Feldversuch. Davon ebenfalls betroffen: die Stadt. Geschäfte blieben geschlossen, Menschen arbeiteten von zu Hause. Wir sprachen mit Barbara Schlei, wie sich die Stadt veränderte und welche Entwicklungen nachhaltig sein werden.

Soziale Nähe fördern

„Soziale Nähe ist der Kitt der Idee einer Stadt“, sagt Barbara Schlei. Die Diplom-Architektin und Herausgeberin des Portals koelnarchitektur beschäftigt sich seit Jahren mit der Stadtentwicklung. „Persönlicher Kontakt ist das Fundament des sozialen Lebens in der Stadt.“ Bedrohen Entwicklungen wie Homeoffice und Einzelhandelssterben, Tendenzen, die die Corona-Pandemie beschleunigte, diesen Kitt? „Nicht unbedingt“, so die Architekturjournalistin. „Es kann sogar sein, dass das Homeoffice zu einer Belebung der Innenstädte oder der lokalen Zentren führt. Weil das Bedürfnis da ist, sich nach einem Homeoffice-Tag oder zwischendurch mit anderen Menschen zu treffen.“

Kreatives

„Wir können Covid-19 als ein Appell an die Stadtgesellschaft verstehen, sich zu fragen: Wie wollen wir miteinander leben? Denn das Bedürfnis nach Nähe verschwindet nicht.“ In Zukunft sieht Barbara Schlei ein geändertes Nutzungsverhalten. Der stationäre Einzelhandel verliert an Bedeutung, andere innerstädtische Nutzungsformen treten – vielleicht – an seine Stelle. Das kann Gastronomie sein, das können Nutzungen sein, die heute nicht unmittelbar mit Innenstädten in Verbindung gebracht werden, wie Pflege, Kinderbetreuung oder kleines produzierendes Gewerbe. Auch Wohnungen können in frei werdenden Büro- und Einzelhandelsflächen entstehen. Es gibt jetzt schon Überkapazitäten.

„Nur rund 25 Prozent der Arbeitsplätze lassen sich von zu Hause durchführen. Das heißt, es wird auch in Zukunft weiter in der Stadt gearbeitet werden.“ Wichtig sei es dabei, die kleinen Kultureinrichtungen – von Kino über Theater – zu erhalten, damit die Stadt ein Ort des Sich-Treffens bleibt. Die Städte müssen alles unternehmen, diese unabhängigen Kulturorte über die Corona-Krise zu führen und nicht nur die institutionellen.

Die Corona-Pandemie führt vor Augen, dass sich viele Bereiche der Stadt künftig wandeln werden. Zuerst ändern sich Nutzungen, dann Architektur und Städtebau. „Nehmen wir den Komplex ‚Büro‘. Coworking-Places funktionieren momentan nicht, da sie als Großraumbüros konzipiert sind und durch die geltenden Abstandsregeln die Menschen hier nicht arbeiten können. Vielleicht sind wieder mehr Einzelbüros gefragt, die durch Besprechungsräume und Aufenthaltszonen ergänzt werden. Im privaten Zuhause wird die Nachfrage nach Arbeitszimmern steigen“, so die Architektin.

Dies führe zu einem erhöhten Flächenbedarf und Flächenkonsum, der in Innenstadtlagen für die Mehrheit nicht zu finanzieren und aus Klimaschutzgründen auch nicht erstrebenswert sei. „Das begünstigt sicherlich ein Leben im Vorort. Auch wenn nicht mehr jeden Tag gependelt werden muss, sondern nur zwei Mal die Woche, weil man an den anderen Tagen zu Hause arbeitet.“ Sie plädiert, wieder stärker nutzungsneutrale Grundrisse zu planen und nicht ineinanderfließende Grundrisse, wo oft nur noch das Schlafzimmer eine Tür hat. Solche Grundrisse, gut sichtbar an den bevorzugten Wohn-Ess-Koch-Raum, sind nun von Nachteil. Diese bieten keine Rückzugsräume für Mutter, Vater und Kind, die zur gleichen Zeit in der Wohnung arbeiten müssen.

Corona legt den Finger auf eine weitere städtebauliche Wunde: die Mobilität. Der Individualverkehr ist der Gewinner der Krise. Und: Trotz aller neuen Angebote wie Carsharing oder E-Scooter steigt der Anteil der Autos in den Städten. Dies führt unweigerlich zu einer Flächenkonkurrenz unter den Mobilitätssystemen. „Wir müssen aufs Rad umsteigen. Dafür müssen die bestehenden Verkehrsflächen anders verteilt werden. Es ist höchste Zeit für bessere Rad- und Fußwegenetze.“

Die Architektin sieht Covid-19 als Chance, neue städtebauliche Konzepte umzusetzen, sei es für eine veränderte Mobilität, sei es für eine andere Nutzung der Innenstädte. „Urbanität bedeutet Nutzungsmischung“, fasst Barbara Schlei zusammen. Diese Mischung müssen Politik und Stadtplanung viel stärker als bisher fördern. Das gilt ebenso für die Entwicklung von neuen Wohngebieten. Aktuelle Wohnquartiere lassen kaum Raum für eine andere Nutzung, zum Beispiel für Gewerbe oder Handel. Spätestens jetzt muss klar werden, dass Stadt kurze Wege und Mischung bedeutet. Auch hier fordert die Architekturjournalistin ein stärkeres Einwirken der Politik auf Investoren und somit auf den Städtebau. Dann kann die Krise ein Antreiber für eine lebenswertere und klimafreundlichere Stadt werden.

„Urbanität bedeutet Nutzungsmischung“

Barbara Schlei
Diplom-Architektin, Herausgeberin koelnarchitektur

  • BOS Büro- und Objekteinrichtungen GmbH
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